Seit Jahrhunderten pilgern Millionen Menschen aus aller Welt auf den Wegen, die zum Grab des Apostels Jakobus in Compostela führen. Sie brechen auf, um spirituelle Führung zu finden, ihren Glauben zu stärken und eine tiefere Verbindung zur Geschichte und Kultur Spaniens zu erleben. Heute ist der Jakobsweg lebendiger denn je: Im Jahr 2024 erreichten fast eine halbe Million Pilger eines seiner Ziele – ein historischer Rekord in der Geschichte der Wallfahrt.

Entlang des Weges sind zahlreiche Jakobus-Symbole entstanden, die leicht zu erkennen sind: der gelbe Pfeil, der den Weg markiert, die Jakobsmuschel, die den Pilger kennzeichnet, der Wasserkürbis, der Holzstab – und natürlich das berühmte Kreuz des heiligen Jakobus. Dieses intensiv rote Kreuz, halb christliches Kreuz, halb Schwert, ist eines der ältesten und bedeutendsten Embleme, die mit der Jakobswallfahrt verbunden sind.

Auch wenn die Pilgerreise heute zugänglicher ist als je zuvor – es gibt Unternehmen, die den Jakobsweg organisieren, und sich um Gepäcktransport, Unterkünfte und andere logistische Aspekte kümmern – bleibt das spirituelle Wesen des Weges unverändert erhalten.

 

Historischer Ursprung des Kreuzes des heiligen Jakobus

Das Kreuz des heiligen Jakobus ist das Erkennungszeichen des alten Ritterordens des heiligen Jakobus, eines religiösen und militärischen Ordens, der im 12. Jahrhundert gegründet wurde.

Dieser Orden erhielt seinen Namen vom Apostel Jakobus dem Älteren, dem Schutzpatron Spaniens. Sein Hauptziel bestand darin, die Pilger auf dem Jakobsweg zu schützen, ihnen Unterkunft, Nahrung und geistlichen Beistand zu bieten. Gleichzeitig kämpften seine Ritter während der Kreuzzüge und der Reconquista für die Verteidigung der christlichen Königreiche im Norden und zur Vertreibung der muslimischen Kräfte von der Iberischen Halbinsel.

Papst Alexander III. genehmigte im Jahr 1175 die Ordensregel und bestätigte die rote Kreuzform als offizielles Symbol der Mitglieder. Von da an trugen die Ritter dieses Emblem auf der Brust ihres weißen Mantels – in Form eines Schwertes – als Zeichen ihrer Treue zum Apostel und ihrer Bereitschaft, den Glauben zu verteidigen.

 

Die Schlacht von Clavijo

Doch woher stammt dieses besondere rote Kreuz in Schwertform? Der Ursprung wird in einer legendären Episode vor der Gründung des Ordens vermutet.

Der Überlieferung nach erschien während der berühmten Schlacht von Clavijo im Jahr 844 – einem Gefecht zwischen Christen und Muslimen in der Region La Rioja – der Apostel Jakobus wundersam auf dem Schlachtfeld. Auf einem weißen Pferd reitend und ein Banner mit einem roten Kreuz tragend, soll er zugunsten der christlichen Truppen eingegriffen und so den Sieg ermöglicht haben.

Seit diesem Ereignis gilt Jakobus, der Maurentöter, als Symbol göttlichen Schutzes im Kampf, und das rote Kreuz seines Banners wurde untrennbar mit seiner Gestalt verbunden.

 

Kreuzzüge im Heiligen Land

Eine andere Theorie über den Ursprung führt in die Zeit der Kreuzzüge im Heiligen Land zurück. Es heißt, die mittelalterlichen christlichen Ritter trugen kleine Kreuze mit angespitztem unteren Ende, damit sie sie beim Lagern oder Beten in den Boden stecken konnten.

Diese tragbaren Kreuze in Schwertform dienten als Zeichen ihrer täglichen Andacht und Anwesenheit – als symbolischer „heiliger Pflock“ im Pilgerland. Dieses durchdringende Kreuzdesign könnte das Vorbild für die charakteristische Form des Kreuzes des heiligen Jakobus gewesen sein, wie wir sie heute kennen.

Ganz gleich, welche Version die wahre ist – seit dem 12. Jahrhundert ist das rote Jakobus-Kreuz untrennbar mit dem Orden des heiligen Jakobus und dem Jakobsweg verbunden. Es steht sowohl für den göttlichen Schutz des Apostels über die Pilger als auch für die militärische Berufung der Ritter, die sie bewachten. Ein Symbol des Glaubens und des Kampfes, das tief in der Jakobusgeschichte verwurzelt ist.

 

Bedeutung des Kreuzes des heiligen Jakobus

Auch „Schwertkreuz“ genannt, ist es in Wirklichkeit ein lateinisches Kreuz, dessen Form deutlich an ein Schwert erinnert. Es hat einen geraden, spitzen Stiel, ähnlich einer Klinge, und einen kurzen Griff. Die seitlichen Arme und das obere Ende sind mit einer Lilie verziert, was ihm ein elegantes und stilisiertes Aussehen verleiht.

In der traditionellen Heraldik symbolisiert die Lilie – mit ihren drei Blütenblättern – „makellose Ehre“ und Reinheit. Man sagt, dass die drei Lilien auf dem Kreuz die moralischen Tugenden des Apostels Jakobus (Glaube, Integrität und Mut) darstellen und gleichzeitig auf die Heilige Dreifaltigkeit verweisen.

Die charakteristische rote Farbe trägt ebenfalls eine starke symbolische Bedeutung. Sie steht für das Blut des Apostels Jakobus, das während seines Martyriums in Jerusalem vergossen wurde, als er im 1. Jahrhundert wegen seines Glaubens enthauptet wurde. (Er gilt als der erste Märtyrer unter den Aposteln, um das Jahr 44 n. Chr., durch das Schwert hingerichtet.) Gleichzeitig erinnert das Rot an das Blut der Ritter und Christen, die im Laufe der Geschichte ihr Leben für den Glauben gaben.

Die einzigartige Kombination aus Kreuz und Schwert verkörpert daher eine doppelte Bedeutung:

  • Einerseits ist es ein religiöses Symbol, das auf das Kreuz Christi und das Opfer für den Glauben verweist.

 

  • Andererseits – in Form eines Schwertes – steht es für die aktive Verteidigung des Christentums, als würde der Glaube selbst militärisch geschützt.

 

Das Kreuz des heiligen Jakobus in Kultur und Tradition

Die historische Bedeutung des Kreuzes des heiligen Jakobus hat sich in zahlreichen künstlerischen, kulturellen und volkstümlichen Ausdrucksformen über die Jahrhunderte hinweg niedergeschlagen. Hier einige der bekanntesten Beispiele:

  • Wappen der Stadt: Im offiziellen Wappen der galicischen Hauptstadt erscheint das rote Kreuz des heiligen Jakobus meist hinter der Darstellung des Apostelgrabes (in Marmor oder Silber) im heraldischen Design der Stadt.

 

  • Tarta de Santiago: Der berühmte traditionelle Mandelkuchen Galiciens wird mit Puderzucker bestäubt, wobei eine Schablone in Form des Kreuzes verwendet wird – das Symbol erscheint dann klar in der Mitte. Diese Verzierung ist heute das unverwechselbare Markenzeichen des Kuchens.

 

  • Las Meninas von Velázquez: In dem berühmten Gemälde Las Meninas (1656), das im Prado-Museum ausgestellt ist, malte sich Diego Velázquez selbst mit dem Kreuz auf der Brust. Dieses Detail wurde vermutlich einige Jahre nach der Fertigstellung hinzugefügt, als er in den Orden des heiligen Jakobus aufgenommen wurde und das Recht erhielt, das Kreuz auf seiner Kleidung zu tragen.

 

  • Moderne Symbole: Das Wappen des Fußballvereins Real Club Celta de Vigo enthält seit 1928 ein großes Kreuz ähnlicher Form als zentrales Element – ein Hinweis auf die galicische und jakobäische Identität des Vereins. Ebenso haben viele heraldische Wappen von Institutionen, Gemeinden und Adelsfamilien in Spanien dieses Symbol übernommen, um ihre Verbundenheit mit den damit verbundenen Werten zu zeigen.

 

Das Kreuz des heiligen Jakobus in der Gegenwart

Heute ist das Kreuz – über seine historische und künstlerische Bedeutung hinaus – zu einem lebendigen Symbol innerhalb der modernen Pilgererfahrung auf dem Jakobsweg geworden.

Viele Pilger sehen darin ein Emblem ihrer spirituellen Reise. Man findet es häufig auf Wegmarkierungen, Gebäudefassaden oder auf der Jakobsmuschel selbst, oft neben dem gelben Pfeil. Nicht wenige Pilger entscheiden sich sogar, sich das Jakobus-Kreuz tätowieren zu lassen, als bleibende Erinnerung an ihre Pilgerfahrt.

Das Kreuz des heiligen Jakobus vereint Pilger aller Jakobswege unter einem gemeinsamen Zeichen. Ganz gleich, ob man auf dem belebten Camino Francés wandert, den Camino de Santiago Oporto Tui als Teil des portugiesischen Wegs wählt, die Variante Espiritual nach Santiago einschlägt oder seine Reise in Galicien über den Camino de Santiago ab Orense beginnt – überall begegnet man diesem Symbol: in Kapellen, Klöstern, Wegmarkierungen oder den Souvenirs und Handwerksarbeiten entlang des Weges. Es dient als verbindendes Zeichen aller Routen.

Letztlich bleibt das Kreuz des heiligen Jakobus ein zeitloses und universelles Symbol des Jakobswegs. Ein Zeichen, das aus Glauben und Geschichte geschmiedet wurde, das moderne Pilger inspiriert und sie an die tiefere Bedeutung ihrer Reise erinnert.

Das Wissen um seinen Ursprung und seine Bedeutung verleiht der Pilgerfahrt eine zusätzliche Dimension: Jedes Mal, wenn ein Pilger das rote Kreuz entlang seines Weges erblickt, spürt er die Verbindung zu Jahrhunderten von Hingabe, Mut und Gastfreundschaft – und erkennt, dass er Teil einer jahrtausendealten Tradition ist.