
Den Jakobsweg zu beginnen ist eine transformative Erfahrung, eine Reise, die sowohl die mentale als auch die physische Ausdauer auf die Probe stellt. Jeder Schritt entlang seiner alten Routen bietet eine Gelegenheit zur Selbstreflexion und Entdeckung. Damit die Pilgerreise jedoch aus den richtigen Gründen zu einem unvergesslichen Erlebnis wird und nicht durch Unannehmlichkeiten oder gesundheitliche Probleme getrübt wird, ist eine sorgfältige Vorbereitung unerlässlich.
Innerhalb dieser Vorbereitung spielt die Wahl des Ausrüstung für den Jakobsweg eine zentrale Rolle, und vielleicht die kritischste und oft unterschätzte Entscheidung ist die Auswahl der Kleidung. Die ewige Frage für den neuen wie auch erfahrenen Pilger lautet: Technische Kleidung oder Baumwolle?.
Baumwolle ist ein Grundpfeiler unserer Garderobe, da sie im Alltag bequem ist. Doch ihre Eigenschaften werden zu einem ernsthaften Nachteil, wenn man den Anforderungen einer langen Wanderung gegenübersteht.
In diesem Leitfaden versuchen wir, diese Wahl zu entmystifizieren. Wir geben klare, erfahrungsbasierte Argumente dafür, warum technische Kleidung die unverzichtbare Verbündete des Pilgers ist und wie Baumwolle zu seinem größten Feind werden kann. Wir analysieren die Materialeigenschaften, das Schichtsystem und wie du deine Ausrüstung an die klimatischen Besonderheiten der verschiedenen Jakobsweg-Routen anpassen kannst.
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Das Problem mit Baumwolle: der verborgene Feind des Pilgers

Der Satz „Baumwolle tötet“ (cotton kills) ist ein bekanntes Mantra in der Berg- und Wandergemeinschaft, und auch wenn es dramatisch klingt, enthält es eine Wahrheit für Sicherheit und Komfort bei Outdoor-Aktivitäten.
Baumwolle ist eine hydrophile Naturfaser, das heißt, sie liebt Wasser. Diese Eigenschaft, die sie bei trockenen Bedingungen weich und angenehm macht, wird zu ihrer größten Schwäche bei länger andauernder körperlicher Aktivität. Wenn ein Pilger geht, produziert sein Körper Schweiß, um die Temperatur zu regulieren. Ein Baumwoll-T-Shirt nimmt diese Feuchtigkeit wie ein Schwamm auf.
Das Problem ist, dass im Gegensatz zu Funktionsmaterialien dieser Rohstoff nicht die Fähigkeit hat, die Feuchtigkeit nach außen zu transportieren, damit sie verdunsten kann. Stattdessen speichert es die Feuchtigkeit und bleibt stundenlang nass. Ein nasses Baumwollkleidungsstück kann 6 bis 12 Stunden benötigen, um vollständig zu trocknen, eine absolut unpraktische Zeitspanne auf dem Jakobsweg. Denk daran, dass es üblich ist, die Kleidung am Ende des Tages zu waschen, um sie am nächsten Morgen wieder bereit zu haben.
Die Folgen des Tragens von Baumwolle sind vielfältig und reichen von einfacher Unannehmlichkeit bis hin zu ernsthaften Gesundheitsrisiken:
- Verlust der Isolierung und Unterkühlungsrisiko: Wasser ist ein hervorragender Wärmeleiter. Ein nasses Baumwollkleidungsstück, das am Körper anliegt, entzieht dem Körper Wärme bis zu 25-mal schneller als ein trockenes Kleidungsstück. Wenn der Pilger eine Pause macht oder die Umgebungstemperatur sinkt, kann diese schnelle Abkühlung zu einem gefährlichen Abfall der Körpertemperatur führen, selbst an Tagen, die nicht besonders kalt erscheinen.
- Dieses Phänomen ist besonders gefährlich in Bergregionen oder auf Routen mit hoher Luftfeuchtigkeit.
- Gewichtszunahme: Nasse Baumwolle ist schwer. Ein T-Shirt kann sein Gewicht vervielfachen, wenn es vollständig durchnässt ist, was die ohnehin schwere Pilgerrucksacklast unnötig erhöht und die Ermüdung sowie den Aufwand bei jedem Schritt steigert. Über eine 25 Kilometer lange Etappe kann dieses zusätzliche Gewicht einen erheblichen Unterschied im Erschöpfungsgrad ausmachen.
- Scheuern, Reizungen und Blasen: Nasse Haut ist wesentlich anfälliger für Reibung. Die Nähte eines nassen Baumwoll-T-Shirts in Kombination mit der ständigen Reibung des Rucksacks sind eine sichere Ursache für Hautirritationen und schmerzhafte Scheuerstellen. Ebenso sind verschwitzte Baumwollsocken die Hauptursache für Blasen an den Füßen, das häufigste und schwächende Problem unter Pilgern.
- Blasen können eine angenehme Etappe in ein echtes Martyrium verwandeln und in schweren Fällen dazu führen, dass die Pilgerreise abgebrochen werden muss.
Zusammenfassend ist der anfängliche Komfort der Baumwolle eine Illusion, die beim ersten Anzeichen von Anstrengung oder Regen verschwindet und den Pilger Kälte, Unbehagen und Hautverletzungen aussetzt.
Die Lösung: Funktionskleidung zur Rettung

Im Vergleich zu den Schwächen der Baumwolle stellt Funktionskleidung die endgültige Lösung für den modernen Pilger dar. Speziell für sportliche Aktivitäten und körperlich anspruchsvolle Anforderungen entwickelt, verwendet diese Kleidung synthetische Fasern (wie Polyester, Polyamid oder Polypropylen) und fortschrittliche Naturfasern (wie Merinowolle), um überlegene Leistung zu bieten.
Der Schlüssel zu ihrem Erfolg liegt in ihrer hydrophoben Fähigkeit: Statt Feuchtigkeit aufzunehmen, wird diese abgewehrt und aktiv transportiert – von der Haut nach außen, wo sie verdunsten kann.
Das grundlegende Prinzip für den Einsatz ist das Schichtsystem. Diese Methode, ursprünglich für Bergaktivitäten entwickelt, ermöglicht es dem Pilger, sich flexibel und effizient an wechselnde Wetterbedingungen und die Intensität der eigenen Anstrengung anzupassen. Das System besteht aus drei Hauptschichten:
- Erste Schicht (Basisschicht): Sie liegt direkt auf der Haut auf. Ihre Hauptfunktion ist nicht Wärme zu spenden, sondern Schweiß zu managen, indem sie ihn von der Haut nach außen transportiert, um den Körper trocken und bei stabiler Temperatur zu halten.
- Hier wird die Wahl zwischen synthetischem Material und Merinowolle besonders wichtig. Diese Schicht sollte körpernah, aber nicht einengend sitzen, Bewegungsfreiheit ermöglichen und die Feuchtigkeitsabfuhr erleichtern.
- Zweite Schicht (Isolationsschicht): Sie dient dazu, Wärme zu speichern, indem sie die vom Körper erzeugte warme Luft einschließt. Fleece (Polyester) oder Westen und Jacken aus synthetischen Fasern oder Naturdaunen sind die gängigsten Optionen. Diese Schicht wird nur bei niedrigen Temperaturen oder längeren Pausen verwendet. Die Dicke kann je nach erwarteten Wetterbedingungen variieren.
- Dritte Schicht (Schutzschicht): Sie ist die Barriere gegen äußere Einflüsse wie Wind und Regen. Sie muss wasserdicht sein, um das Eindringen von Wasser zu verhindern, aber auch atmungsaktiv, damit der Wasserdampf (verdunsteter Schweiß) aus den inneren Schichten nach außen entweichen kann.
- Jacken mit Membranen wie Gore-Tex, eVent oder ähnlichen sind der Goldstandard in dieser Kategorie. Eine gute Regenjacke oder ein wasserdichter Poncho ist in jedem Pilgerrucksack unerlässlich.
Die Genialität dieses Systems liegt in seiner Modularität. An einem sonnigen, heißen Tag kann der Pilger nur mit der ersten Schicht gehen. Wenn der Wind zunimmt oder die Temperatur sinkt, kann er nach Bedarf die zweite oder dritte Schicht hinzufügen. Diese Vielseitigkeit gewährleistet Komfort unter einem breiten Spektrum an Bedingungen und minimiert Gewicht und Volumen im Rucksack.
Vertiefung der Funktionsmaterialien: Synthetik vs. Merinowolle
Die Wahl des Materials für die erste Schicht verdient eine detaillierte Analyse. Die beiden Hauptfamilien technischer Stoffe sind Synthetik und Merinowolle, jeweils mit eigenen Vorteilen und Aspekten.
- Synthetische Fasern (Polyester, Polyamid): Sie sind die am weitesten verbreitete Option aufgrund ihrer hervorragenden Schweißableitung und schnellen Trocknung, die nur ein bis zwei Stunden betragen kann. Es handelt sich um sehr langlebige, abriebfeste Stoffe, die in der Regel günstiger sind als natürliche Alternativen.
- Ihr Hauptnachteil war die Tendenz, Gerüche zu speichern, da sich die Bakterien, die diese verursachen, auf der Oberfläche vermehren. Moderne antibakterielle Behandlungen (z. B. mit Silberionen) haben diesen Aspekt jedoch erheblich verbessert. Sie sind ideal für Aktivitäten mit hoher Intensität, bei denen viel geschwitzt wird.
- Merinowolle: Von vielen als Premium-Material für Basisschichten angesehen, ist Merinowolle eine Naturfaser mit außergewöhnlichen Eigenschaften.
- Sie ist außergewöhnlich weich im Griff (sehr unterschiedlich zur herkömmlichen Wolle, die kratzen kann).
- Reguliert die Temperatur auf beeindruckende Weise (wärmt bei Kälte und kühlt bei Hitze).
- Ihre molekulare Struktur kann bis zu 30 % ihres Gewichts an Feuchtigkeit aufnehmen, ohne sich nass anzufühlen, und behält ihre isolierenden Eigenschaften sogar im feuchten Zustand.
- Ihr größter Vorteil ist die natürliche Geruchsresistenz; sie kann mehrere Tage hintereinander getragen werden, ohne unangenehme Gerüche zu entwickeln, was sie perfekt für mehrtägige Wanderungen macht.
- Nachteile sind eine etwas längere Trocknungszeit im Vergleich zu synthetischen Stoffen, eine geringere Haltbarkeit (insbesondere bei feinen Gewichten) und ein höherer Preis.
Die Wahl zwischen beiden hängt oft von persönlichen Vorlieben, Budget und den zu erwartenden Bedingungen ab. Eine gute Strategie ist es, beide zu kombinieren: synthetische T-Shirts für die heißesten Etappen und Merinowolle für kältere, feuchtere Tage oder zum Schlafen in Herbergen.
Vergleichstabelle: Funktionskleidung vs. Baumwolle
Um die grundlegenden Unterschiede zwischen beiden Stoffarten klar zu visualisieren, fasst die folgende Tabelle ihre wichtigsten Eigenschaften im Kontext des Jakobswegs zusammen.

Die richtige Kleidung für jeden Camino: Anpassung an Route und Klima

Spanien ist ein Land mit enormer klimatischer Vielfalt, und die Jakobswege spiegeln dies deutlich wider. Es ist nicht dasselbe, sich der ständigen Feuchtigkeit des Kantabrischen Meeres zu stellen wie den thermischen Extremen der kastilischen Meseta. Daher ist es, obwohl die Grundausstattung (Funktionskleidung und Schichtsystem) universell ist, klug und empfehlenswert, sie an die gewählte Route und Jahreszeit anzupassen.
Camino Francés
Ohne Zweifel die meist begangene und beliebteste Route, ist ein perfektes Beispiel für diese klimatische Vielfalt. Sie durchquert sehr unterschiedliche Landschaften und Klimazonen auf ihren etwa 800 Kilometern: von den Pyrenäen mit ihrem unberechenbaren Hochgebirgsklima und Schnee selbst im Frühling bis zu den weiten Ebenen der Meseta.
- Wer den Camino Francés ab Logroño startet, betritt ein Gelände, das besonders im Sommer durch extremes kontinentales Klima geprägt ist: kühle Morgen, die in heiße, trockene Mittagsstunden übergehen, mit wenigen Schattenplätzen zum Ausruhen.
- Später konsolidiert der Abschnitt des Camino Francés ab Burgos diese Erfahrung und verlangt vom Pilger, bereits bei Tagesanbruch zu starten, um die intensivsten Sonnenstunden zu vermeiden.
Auf diesen Etappen ist ultraleichte Funktionskleidung in hellen Farben und idealerweise mit UPF-Sonnenschutz unverzichtbar. Ausreichend Wasser und Kopfschutz durch Hut oder Kappe sind ebenfalls lebenswichtig.
Camino del Norte
Der Camino del Norte bietet spektakuläre Küstenlandschaften, jedoch mit einem feuchten und wechselhaften Klima.
Im starken Kontrast verläuft er parallel zur kantabrischen Küste, bietet grüne Landschaften, beeindruckende Klippen und spektakuläre Meerblicke. Das Klima ist ozeanisch: ganzjährig mild, aber sehr feucht und wechselhaft. Regen kann jederzeit auftreten, selbst im Hochsommer.
- Ein Pilger auf dem Camino del Norte ab Gijón sollte eine ausgezeichnete dritte Schicht priorisieren (wasserdichte, hoch atmungsaktive Jacke und Hose) und Kleidung, die extrem schnell trocknet, da die hohe Luftfeuchtigkeit die Verdunstung erschwert. Merinowolle, durch ihre Fähigkeit, auch im nassen Zustand zu wärmen, und ihre Geruchsresistenz, ist auf dieser Route ein großer Verbündeter, da das Trocknen der Kleidung eine Herausforderung sein kann.
Andere Wege
Andere Routen bringen ihre eigenen klimatischen Herausforderungen mit sich.
- Der Camino Primitivo ist bekannt für seine körperliche Härte und wilde Schönheit. Er durchquert die Berge von Asturien und Lugo, mit einem Klima ähnlich dem des Nordens, aber höher gelegen, daher niedrigere Temperaturen und häufige Nebel.
- Der Camino Portugués, sowohl auf der zentralen Route als auch an der Küste, hat ein mildes Atlantikklima, ist aber ebenfalls feucht, besonders beim Eintritt nach Galicien.
- Der Camino Inglés, kurz aber intensiv, teilt die galicischen Klimabedingungen.
Auf allen diesen Routen machen die Vielseitigkeit des Schichtsystems und die Qualität der Funktionskleidung den Unterschied zwischen einer angenehmen Erfahrung und einem ständigen Kampf gegen die Elemente aus.
Praktische Tipps zur Auswahl deiner Funktionskleidung

Beim Packen deines Gepäcks solltest du folgende Empfehlungen beachten:
- Genau die richtige Menge: Die goldene Regel ist, nur das Nötigste mitzunehmen. In der Regel genügen zwei bis drei Funktionsshirts, zwei Hosen (eine lange und eine kurze oder abnehmbare), drei Sätze Unterwäsche und drei bis vier Paar Funktionssocken. Tägliches Waschen gehört zur Routine eines Pilgers.
- Schnelltrocknung priorisieren: Besonders bei Socken und Unterwäsche. Diese Kleidungsstücke müssen am nächsten Morgen trocken sein.
- In gute Socken investieren: Zusammen mit dem Schuhwerk sind sie das kritischste Ausrüstungsteil. Suche nach speziellen Wandersocken, nahtlos oder mit flachen Nähten, die Feuchtigkeit ableiten und Polsterung in den Belastungsbereichen bieten.
- Sonnenschutz nicht vergessen: Kappe, Sonnenbrille und Sonnencreme sind besonders auf der Meseta unerlässlich.
- Teste deine Ausrüstung vor der Abreise: Mach mehrere Trainingswanderungen mit der Kleidung und dem Schuhwerk, die du auf dem Camino tragen wirst, um sicherzustellen, dass alles richtig funktioniert und keine Scheuerstellen entstehen.
Fazit: Eine Investition in Komfort, Sicherheit und Genuss
Die Wahl zwischen Funktionskleidung und Baumwolle für den Jakobsweg ist keine Frage von Mode oder Status, sondern eine entscheidende Entscheidung, die direkt den Komfort, die Gesundheit und das Vergnügen der Pilgerreise beeinflusst. Wie analysiert, wird Baumwolle trotz ihres anfänglich scheinbaren Komforts auf einer Langstreckenwanderung zu einer gefährlichen Belastung, da sie Feuchtigkeit speichert, Abkühlung verursacht und die Entstehung von Scheuerstellen und Blasen erleichtert.
Funktionskleidung hingegen ist darauf ausgelegt, unter den anspruchsvollsten Bedingungen zu bestehen. Sei es durch synthetische Fasern, die Schweiß schnell ableiten, oder durch die intelligente Temperaturregulierung der Merinowolle, ihr Ziel ist es, den Pilger trocken, komfortabel und geschützt vor den Elementen zu halten.
In ein gutes Funktionskleidungsset basierend auf dem Drei-Schichten-System zu investieren, ist keine unnötige Ausgabe. Es ist eine exzellente Investition, um sicherzustellen, dass die einzigen Erinnerungen an den Camino unvergessliche Landschaften, auf dem Weg geschlossene Freundschaften und ein tiefes Gefühl der persönlichen Überwindung sind – und nicht Kälte, Feuchtigkeit und Schmerz.
Also, packe für dieses einzigartige Abenteuer keine Baumwolle ein. Dein Körper und dein Pilgergeist werden es dir bei jedem Schritt auf dem Camino danken. ¡Buen Camino!.





